27.10.2021

„Einige lebten auf den Schiffen im Hafen der Stadt Haren“


VHS hat zur Sonderführung durch das Museum „Inselmühle“ in Haren eingeladen.

Über die Tragik einer besonderen Geschichte der Nachkriegszeit und die Folgen des Räumungsbefehls der britischen Militärregierung vom 20. Mai 1945 für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Haren erfuhren die Gäste des neuen Museums „Inselmühle“ im Rahmen einer Sonderführung, zu der die VHS Haren eingeladen hatte. Die VHS-Standortleiterin Ingrid Auth möchte damit eine Reihe von Führungen und Vorträgen über „Maczków“ starten.

„Maczków“ hieß die Stadt Haren von 1945 bis 1948, Der Name geht auf den General der 1. polnischen Panzerdivision, Stanis?aw Maczek (1892 bis 1994) zurück. Auf Befehl der Alliierten blieben zahlreiche Armeeangehörige nach Kriegsende in Haren und bauten hier das Zivilleben für Tausende von polnischen Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und vielen unbegleiteten Kindern und Jugendlichen auf. 

„Das Kapitel Maczków ist eine Dauerausstellung“, erläuterte die Museumsleiterin Dr. Britta Albers. Die Historikerin hat die Präsentation in der Inselmühle zusammen mit ihrem Kollegen Dr. Rüdiger Ritter aus Bremerhaven konzipiert und aufgebaut. Das Museum wurde wegen Corona erst vor vier Monaten offiziell eröffnet. Albers schilderte die einzigartige Nachkriegsgeschichte der Stadt Haren sowohl aus der Sicht der polnischen Soldaten als auch aus der Sicht der Harener Stadtbewohner, die 1945 binnen 24 Stunden ihre Häuser verlassen mussten und nur das Nötigste mitnehmen durften.

„Die Harener haben es als Strafe empfunden“, sagte die Museumsleiterin. Statt nach dem Krieg ihre Stadt und das öffentliche Leben wiederaufzubauen, mussten sie raus und durften ihre Häuser, ihre Schulen und sogar die Kirchen drei Jahre lang nicht betreten. Einige lebten auf den Schiffen im Hafen, andere konnten bei ihrer Verwandtschaft oder bei den Bauern in den umliegenden Dörfern unterkommen. Zwar erhielten sie später eine Entschädigung für die Schäden an ihren Häusern sowie das verlorene Hab und Gut, doch der Schock saß tief.

Schockiert waren auch die polnischen Soldaten, von denen die meistens wie General Stanislaw Maczek aus der Gegend um Lemberg in der heutigen Ukraine kamen, als sie nach der Befreiung der Stadt Breda in den Niederlanden von den Beschlüssen der Konferenz von Jalta hörten. Mit den Ergebnissen waren sie unzufrieden, denn viele stammten aus Ost-Polen und sahen ihre frühere Heimat nun plötzlich in der Sowjetunion. So wollten sie nicht nur die Truppen Hitlers besiegen, sondern auch die sowjetische Invasion Polens durch Stalin rückgängig machen.

Doch dann kam der Räumungsbefehl. „Haren blieb für die polnischen Bewohner nur eine Durchgangstation“, berichtete die Historikerin Albers und zeigte auf die zahlreichen Infotafeln im Museum mit Fotos und Dokumenten aus dieser Zeit. General Maczek ging es nicht um die Eroberung des Emslandes. Er hoffte lediglich hier einen Ort zu finden, in dem seine Soldaten nach den Kriegsjahren und den ständigen Ortswechsel ein geordnetes Zivilleben aufbauen konnten. Zudem mussten sie sich um polnische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter sowie unbegleitete Kinder und Jugendliche kümmern.

Waren Kontakte zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern von „Maczków“ und den Exil-Harenern überhaupt möglich? „Sie waren nicht die besten Freunde“, antwortete Albers. Viele Polen haben im Krieg ihre Familien verloren, sie mussten zusehen, wie Hitlers Soldaten ihre Städte komplett zerstörten und unschuldige Menschen auf den Straßen und in Konzentrationslagern ermordeten. Im neuen Museum kommen auch Zeitzeugen zu Wort, die über die polnische Zeit Harens berichten.

Die Ausstellung trägt den Namen „Haren/Maczków 45/48“ und kann aktuell nur nach vorheriger Anmeldung besichtigt werden - Telefon 05932/9976360.

 

Foto: VHS Meppen

Museumsleiterin Dr. Britta Albers führt durch die Ausstellung „Haren/Maczków 45/48“ in der „Inselmühle“ in Haren.